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18.02.26 07:35Lesedauer: 6 Min  |   Compliance Wissen, ESG

ESG zwischen Regulierung und Realität: Im Interview mit ESG Experte Thomas Teschner

Was wirklich zählt und worauf Unternehmen jetzt bauen können
ESG geht über regulatorische Anforderungen hinaus. Zwischen politischen Diskussionen, verschobenen Richtlinien und global unterschiedlichen Entwicklungen stehen Unternehmen vor einer entscheidenden Frage: Welche ESG-Themen sind für uns wirklich strategisch relevant, unabhängig von kurzfristigen Vorgaben?

Wir haben mit unserem ESG-Experten Thomas Teschner gesprochen. Im Interview erklärt er, warum ESG langfristig ein wirtschaftlicher Erfolgsfaktor bleibt, welche typischen Fehler Unternehmen vermeiden sollten und wie sich nachhaltige Strukturen praxisnah aufbauen lassen.

„ESG muss inhaltlich getragen werden, nicht nur regulatorisch“

Warum sollten Unternehmen ESG ernst nehmen, auch wenn es aktuell keine neuen oder klaren Vorschriften gibt?

Thomas Teschner: Auch wenn die Gesetzgebung derzeit von Anpassungen und politischen Diskussionen geprägt ist, bleibt ESG langfristig relevant. Nachhaltigkeit erschöpft sich nicht in Verordnungen oder Richtlinien. Entscheidend sind die strategischen Fragestellungen dahinter: Wie resilient ist das Unternehmen? Wie transparent sind Lieferketten? Welche Umwelt- und Reputationsrisiken bestehen? Unabhängig von Berichtspflichten sollten Unternehmen deshalb klären, welche ESG-Faktoren ihre Wettbewerbsfähigkeit konkret stärken. Welche Nachhaltigkeitsaspekte wirken sich z.B. auf Finanzierung, Recruiting oder die Erwartungen von Geschäftspartnern aus? Die regulatorische Landschaft kann sich verändern. Beständig bleiben jedoch Marktanforderungen, Reputationsrisiken und unternehmerische Verantwortung. Wer ESG strukturiert in die Organisation integriert und mit klaren Zielen verknüpft, schafft eine belastbare Grundlage für verantwortungsvolles Wachstum, unabhängig von politischen Entwicklungen.

"Entscheidend ist weniger die Frage, ob und welche ESG-Anforderungen kommen, sondern wie strukturiert Unternehmen heute damit umgehen."

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Thomas TeschnerESG Compliance Expert


Kurzfristige Zurückhaltung, langfristiges Risiko?

Es heißt oft, Unternehmen, die bisher nichts getan haben, hätten jetzt Vorteile. Stimmt das?

Thomas Teschner: Kurzfristig mag Abwarten komfortabel erscheinen, vor allem, wenn konkrete Vorgaben noch nicht final sind. Langfristig entsteht daraus jedoch ein strukturelles Risiko. Wenn regulatorische Anforderungen konkretisiert werden, bleiben die Umsetzungsfristen erfahrungsgemäß eng. Wer dann erst beginnt, Strukturen aufzubauen, Daten zu erheben und Zuständigkeiten zu klären, gerät unter erheblichen Druck.

Ich bin mir sicher, in vielen Fällen werden Unternehmen die erforderlichen Daten nicht mehr fristgerecht erheben können, wenn sie die notwendigen Grundlagen nicht frühzeitig geschaffen haben. Unternehmen, die bereits Berichte erstellen, und eine gute Datenbasis geschaffen haben, sind bei regulatorischen Anpassungen deutlich flexibler. Eine bestehende Struktur zu reduzieren ist vergleichsweise einfach. Unter Zeitdruck bei null zu beginnen, ist deutlich schwieriger und mit hohen Kosten verbunden. Hinzu kommt: ESG-Daten dienen nicht ausschließlich der Berichterstattung. Sie unterstützen die Unternehmenssteuerung, Risikobewertung und strategische Entscheidungen. Fehlende ESG-Strukturen wirken sich auf Finanzierung, Reputation und Wettbewerbsfähigkeit aus.


ESG ist keine Einzelaufgabe, typische Fehler in der Praxis

Welche Fehler beobachtest du im Unternehmensalltag besonders häufig?

Thomas Teschner: Ein klassischer Fehler ist Silo-Denken. ESG wird häufig als Projekt einer einzelnen beauftragten Person verstanden, die einen Bericht erstellt. So funktioniert es nicht. ESG betrifft zahlreiche Rechtsgebiete und Fachbereiche – vom Abfallrecht über Gewässerschutz bis zum Immissionsschutz. Gleichzeitig ist es entscheidend, dass eine Person den Gesamtüberblick behält und die Verantwortung trägt, jemand, der die Daten gezielt zusammenführt und koordiniert. Viele Daten, die für ESG-Berichte benötigt werden, werden aufgrund bestehender gesetzlicher Verpflichtungen bereits erhoben. Die zentrale Aufgabe besteht daher nicht im Neuerfinden, sondern im strukturierten Zusammenführen dieser Daten.

Erfolgsfaktoren sind:

  • Klare Rollen und Verantwortlichkeiten
  • Transparente Zuständigkeiten entlang der Organisationsstruktur
  • Eine zentrale Koordination der Datenzusammenführung
  • Verständliche Kommunikation des Mehrwerts

ideaEin Tipp meinerseits: Wenn Mitarbeitende wissen, warum sie bestimmte Informationen liefern und welchen Beitrag diese leisten, steigt automatisch die Qualität der Daten. Besonders bei mehreren Standorten ist eine systematische Zuordnung von Funktionen und Datenquellen entscheidend.


ESG weltweit: Unterschiedliche Wege, gleiche Relevanz

Wie unterscheidet sich die ESG-Entwicklung zwischen Europa, den USA und anderen Regionen?

Thomas Teschner: Europa verfolgt einen stark regulatorischen Ansatz. Mehrere Staaten müssen sich einigen, was zu komplexen Abstimmungsprozessen führt. An Europa zerren dabei noch zwei extreme: Einerseits die USA, in denen die ESG-Regulatorik zuletzt deutlich zurückgefahren wurde. Gleichzeitig bleibt der Kapitalmarkt ein treibender Faktor. Investoren und Börsen berücksichtigen Nachhaltigkeitskriterien weiterhin. Andererseits China, wo genau das Gegenteil passiert: China entwickelt freiwillige Ansätze zunehmend zu verbindlichen Offenlegungspflichten und integriert diese stärker in bestehende Managementsysteme. Für international tätige Unternehmen bedeutet das: ESG bleibt weltweit relevant, auch wenn die regulatorischen Anforderungen unterschiedlich ausgestaltet sind. Unternehmen sollten klar unterscheiden:

  • Welche Anforderungen ergeben sich aus nationaler Regulierung?
  • Welche Erwartungen stellen Investoren und Geschäftspartner?
  • Wo bestehen internationale Schnittmengen?

Viele Inhalte überschneiden sich. Wer strategisch denkt, kann diese Gemeinsamkeiten nutzen.


ESG-Trends: Dauerhafte Themen statt kurzfristiger Hypes

Welche ESG-Themen gewinnen künftig strategisch an Bedeutung?

Thomas Teschner: ESG ist weniger ein Trend als vielmehr ein Rahmen für dauerhaft relevante Themen. Menschenrechte, Umweltverantwortung und Governance-Fragen behalten ihre strategische Bedeutung, unabhängig von kurzfristigen Schlagzeilen. Themen wie Biodiversität können phasenweise stärker in den Fokus rücken. Mittel- und langfristig bleiben jedoch insbesondere Menschenrechte und Umweltaspekte zentral. Beispielsweise hat das Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz (LkSG) das Thema Menschenrechte schon vor ein paar Jahren klar adressiert. Unternehmen sollten entsprechende Risikoanalysen durchgeführt haben und auf dieser Grundlage weiterarbeiten. Auch steigende CO-Preise und regulatorische Entwicklungen verstärken die Bedeutung von Umweltaspekten. Gleichzeitig spielen Governance-Themen, etwa im Kontext von Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz, eine zunehmend strategische Rolle. Reputationsrisiken und Markterwartungen sorgen dafür, dass ESG-Grundlagen dauerhaft relevant bleiben. Unternehmen, die sich frühzeitig mit den wesentlichen Themen befassen, schaffen strategische Stabilität.


ESG erfolgreich starten: Struktur vor Detailtiefe

Was empfiehlst du Unternehmen, die mit ESG beginnen oder ihre Strategieweiterentwickeln möchten?

Thomas Teschner: Der erste Schritt ist eine ehrliche Bestandsaufnahme:

  • Spiegelt das Organigramm die tatsächlichen Zuständigkeiten wider?
  • Stimmen Managementsysteme mit der gelebten Praxis überein?
  • Ist transparent, welche Funktion welche Daten liefert?

Wenn diese Basis stimmt, entsteht eine hohe Reaktionsfähigkeit. Unternehmen können neue regulatorische Anforderungen effizient umsetzen, unabhängig von deren Detailtiefe und Zeitdruck. Wesentlich ist zudem, den Sinn und Zweck der Datenerhebung transparent zu kommunizieren. ESG entfaltet Wirkung, wenn die Organisation versteht, welchen strategischen Beitrag Nachhaltigkeit leistet. Viele Inhalte, die in ESG-Berichten gefordert werden, beruhen auf gesetzlichen Anforderungen, die bereits seit Jahren bestehen. Wer diese strukturiert erfasst und mit klaren Verantwortlichkeiten verknüpft, erleichtert sich die Zusammenführung der relevanten Informationen erheblich. Mit der Compliance Management Software Eticor lassen sich bestehende gesetzliche Anforderungen strukturiert abbilden, Zuständigkeiten transparent zuordnen und Prozesse revisionssicher dokumentieren.

Dadurch entsteht eine belastbare Grundlage, um ESG-Anforderungen effizient, transparent und strategisch umzusetzen.


Fazit: ESG als strategische Führungsaufgabe verstehen
ESG entfaltet seine Wirkung dort, wo es als unternehmensweite Aufgabe verstanden wird, mit klarer Struktur, eindeutigen Verantwortlichkeiten und strategischem Fokus. Unabhängig von regulatorischen Bewegungen bleibt Nachhaltigkeit ein wirtschaftlicher Faktor. Unternehmen, die ESG frühzeitig in ihre Organisation integrieren, stärken ihre Wettbewerbsfähigkeit, erhöhen ihre Transparenz und schaffen Vertrauen bei Stakeholdern.

Das Interview mit Thomas Teschner zeigt: Entscheidend ist weniger die Frage, ob ESG kommt, sondern wie strukturiert Unternehmen heute damit umgehen.

 
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